Politische Theorie

Profil

Die Perspektive der Politischen Theorie, wie sie in Osnabrück vertreten wird, ist erstens historisch und interdisziplinär ausgerichtet und zielt zweitens als kritisch-reflexives Unterfangen immer auf die politischen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart. Ihr geht es um ein Verständnis von Theorie als Praxis kritischer und genealogischer Befragungen und Infragestellungen all jener historischen und aktuellen Weisen, die Menschen zu regieren, zu führen und zu beherrschen. Dabei macht sie in Forschung und Lehre nicht nur Anleihen bei Philosophie, Soziologie und Geschichtswissenschaften, sondern bewusst auch bei den neueren kritischen Denkströmungen wie Cultural, Black, Gender und Postcolonial Studies.

Die Forschung in der Politischen Theorie umfasst zurzeit drei größere Schwerpunkte und Projekte:

  1. Marx im Handgemenge. Zur Genealogie moderner Gesellschaftskritik
  2. Dialektiken der Befreiung: Macht, Subjektivierung und die Grenzen emanzipatorischer Theorie
  3. Erinnern als Gesellschaftskritik. Theorien und Praktiken postnazistischer und postkolonialer Verflechtungen

Marx im Handgemenge. Zur Genealogie moderner Gesellschaftskritik (DFG-Projekt)

„Was ist Kritik?“ Seit einigen Jahren existiert eine internationale sozialwissenschaftliche und sozialphilosophische Debatte um diese Frage. Wie muss heute und gegenwärtig, angesichts unserer sozioökonomischen, politischen und soziokulturellen Lage eine Praxis der Kritik beschaffen sein? Was sind ihre Bedingungen und worauf kann sich das kritische Unternehmen noch berufen? Die grundlegende Idee des Projekts besteht nun darin, weder eine normative Grundlegung der Kritik zu entwickeln (Sozialphilosophie/Moralphilosophie der Kritik), noch eine aktuelle sozialwissenschaftliche Analyse von Praktiken der Kritik (Soziologie der Kritik) vorzulegen, sondern eine Geschichte, genauer eine Genealogie der Kritik zu leisten. Es soll darum gehen, durch einen historischen an Michel Foucaults Begriff der Genealogie orientierten Rückgriff, die Schichten, Segmente, Register oder Sprachen der Kritik freizulegen, auf die sich eine heutige Praxis der kritischen Befragung unserer Gegenwart berufen könnte.

Innerhalb dieses umfassenden Forschungsrahmens einer Genealogie der Kritik wird das Forschungsprojekt nun einen zentralen Autor, eine wichtige Wendemarke in der Geschichte der Kritik herausgreifen, nämlich Karl Marx. Mit Marx verwandelt sich erstmals die Kritik von Herrschaft und Unterwerfung in moderne Gesellschaftskritik und diese moderne Gesellschaftskritik gilt es nun genealogisch von ihrem Entstehungsherd genauer zu beleuchten und zu rekonstruieren. Dabei tritt insbesondere die praxeologische, die politisch-polemische Seite der Marxschen Kritik, die sog. Kritik im Handgemenge, deutlich in den Vordergrund und offenbart, dass Marx auf drei ganz unterschiedlichen Feldern seine Gesellschaftskritik formiert und performiert hat: (a) Das journalistische Feld, auf dem Marx als politischer Journalist, Redakteur, Auslandskorrespondent und Inhaber der Neuen Rheinischen Zeitung tätig war. (b) Das politische Feld, auf dem Marx von Anfang an die Kritik an seinen Gegnern, vor allem an den „falschen“ Freunden (Weitling, Grün, Proudhon), den „falschen“ Sozialismen (Owen, Fourier, St. Simon), dem Anarchismus (Bakunin), der Sozialdemokratie (Lasalle) artikuliert. (c) Das theoretische Feld, auf dem Marx seine grundlegende Kritik der politischen Ökonomie als eine Praxis der Dekuvrierung und Demaskierung der kapitalistischen Produktionsweise ausarbeitet.

 Buchpublikation Prof. Dr. Matthias Bohlender: Truth and Revolution in Marx´s Critique of Society (externer Link)

 Informationen zum DFG-Forschungsprojekt

Dialektiken der Befreiung: Macht, Subjektivierung und die Grenzen emanzipatorischer Theorie

Dieses Forschungsprojekt knüpft ganz bewusst und direkt an die Ergebnisse und Überlegungen aus dem Projekt zu Marx und der Genealogie moderner Gesellschaftskritik an. Hierbei hatte sich ein spezifischer Problemraum eröffnet, der um die Frage kreiste, in wie weit und aus welchen Gründen eine kritische, befreiende und emanzipatorische Theorie möglicherweise in Herrschaft und Gewalt „umschlägt“ und vielleicht sogar umschlagen muss. Gibt es demnach eine „notwendige“ Linie: Kritik – Emanzipation – Revolution – Gewaltherrschaft? Oder ist diese Linie allein im Hinblick auf einen blinden Fleck bezüglich einer „Kritik der Gewalt“ (Benjamin) entstanden? Bei Marx hatte sich herausgestellt, dass tatsächlich ein blinder Fleck im Hinblick auf die Frage der revolutionären Subjekte und insbesondere der Subjektformierungen existiert. Das „Proletariat“ ist demnach nicht nur das Resultat von umfassenden sozialen Befreiungskämpfen (Wahrheitsprozeduren), sondern auch das Ergebnis von Machtprozeduren, die auf die Individuen einwirken und diese zu „proletarischen“, revolutionären Subjekten machen sollen. Die erste zentrale Erkenntnis oder These (Dialektik der Befreiung I) aus diesen Überlegungen ist zunächst, dass alle modernen Emanzipations- und Befreiungskonzepte die gesellschaftliche Befreiung selbst an die Produktion, Herstellung oder Formierung eines spezifischen „befreiten“ Subjekts binden. Ohne eine verinnerlichte Befreiung des Subjekts ist auch gesellschaftliche Befreiung nicht möglich. Die zweite zentrale Erkenntnis und zu untersuchende These (Dialektik der Befreiung II) besagt nun, dass die Gefahr eines Umschlages von Befreiung und Emanzipation in Unterwerfung und Unterdrückung genau im Vorgang, in den Prozessen, Praktiken und Prozeduren der Subjektivierung/Verinnerlichung selbst (zumindest teilweise) zu suchen ist. Im Moment der Befreiung unterwirft sich das moderne Subjekt, weil es nur durch Unterwerfung frei werden kann. Der Akt der Befreiung erfordert Machtprozeduren, denen sich das Subjekt der Befreiung, freiwillig unterwerfen muss („freiwillige Knechtschaft“); es bildet seine Identität als freies Subjekt in und durch Formen der Disziplinierung etc. aus.

Diese beiden Thesen, diese beiden „Dialektiken der Befreiung“ werden im Laufe des Forschungsprojekts von Marx ausgehend an verschiedenen Konzepten, Narrativen und Vorstellungen von Befreiung und Emanzipation erprobt, weiter vertieft und systematisiert (bürgerliche Emanzipation, Sklavenbefreiung und Abolitionismus, antikoloniale Befreiung, Frauenemanzipation etc.). Auf dieser Grundlage sollen nicht nur die beiden Thesen erhärtet, sondern auch eine erste Systematik von unterschiedlichen Modellen/Narrativen der Befreiung entwickelt werden.

Erinnern als Gesellschaftskritik. Theorien und Praktiken postnazistischer und postkolonialer Verflechtungen

Dieses Projekt hat zum Ziel, eine spezifisch gesellschaftskritische Politische Theorie mit Blick auf Erinnerungsdiskurse im Nachkriegsdeutschland zu entwerfen. Es setzt an der gegenwärtigen Wahrnehmung an, ein Erinnern an Nationalsozialismus und ein Erinnern an Kolonialismus stellten bis heute voneinander separierte, geradezu antagonistische Praktiken dar. Diese aktuell gesellschaftspolitisch aufgeladene Gemengelage ist auch auf das Argument zurückzuführen, dass es sich bei antisemitismus-, und rassismuskritischen Gesellschaftstheorien, die in solche Erinnerungsdebatten einfließen, um miteinander in Widerspruch stehende Theorieprojekte handele.

Im Unterschied dazu wird im Projekt zunächst ein gemeinsamer Ausgangspunkt solcher gesellschaftskritischer Theorien identifiziert, nämlich eine Infragestellung der Aufklärung. Die These, die im Projekt verfolgt wird, lautet, dass antisemitismus-, und rassismuskritische Theorien mitunter ein generelles Unbehagen an der Aufklärung teilen und diese theorieimmanente Analyse mit den historischen Erscheinungsformen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt verbinden. Insofern ist das erste Anliegen des Projektes, durch eine Rekonstruktion verschiedener antisemitismus- und rassismuskritischer Theorien zu explorieren, worin sich das Gesellschaftskritische solcher Positionen a) ähnelt und worin es sich b) unterscheidet. Zugleich verbinden sich diese theoretischen Gesellschaftskritiken im Nachkriegsdeutschland immer schon ganz konkret mit postnazistischen und postkolonialen Erinnerungspraktiken. Das zweite wesentliche Anliegen des Projektes ist es daher, die Verflechtungen von Gesellschaftskritiken und Erinnerungspraktiken ernst zu nehmen. Rekonstruiert man diese Verflechtungen theoretischer Gesellschaftskritiken als postnazistische und postkoloniale Erinnerungspraktiken, so zeigt sich entgegen der aktuellen Wahrnehmung nämlich, dass sich c) weder die Kritiken, noch die Praktiken klar voneinander separieren lassen. Viel eher, und das ist zuletzt das zentrale Argument des Projektes, haben antisemitismus-, und rassismuskritische Gesellschaftstheorien und postnazistische und postkoloniale Erinnerungspraktiken in Deutschland immer schon in jeglichen Varianten in enger Kommunikation miteinander gestanden, voneinander gelernt und miteinander debattiert. Stellt man diese Wahrnehmung in den Vordergrund, zeigt sich schließlich, worin das gemeinsame Potenzial antisemitismus-, und rassismuskritischer Gesellschaftstheorien und postnazistischer und postkolonialer Erinnerungspraktiken liegt: Es sind Formen gesellschaftskritischer Erinnerungspraktiken, die staatlich institutionalisiertes Erinnern in Frage stellen.

Die Lehre des Fachgebiets Politische Theorie ist in den meisten BA-, und MA-Studiengängen des Instituts für Sozialwissenschaften verankert. Neben einer allgemeinen Vorlesung über Macht und Herrschaft werden in den BA-Studiengängen Demokratietheorien, Klassiker:innen des politischen Denkens und wichtige politische Denkströmungen und Bewegungen behandelt.

Daneben gibt es immer Vertiefungsveranstaltungen, die spezifische Problematiken der politischen Theorie der Gegenwart behandeln (z.B. Rassismus, Autoritarismus, Gewaltverhältnisse, ziviler Ungehorsam, etc.) und die auch von Masterstudierenden besucht werden können. Im englischsprachigen Masterstudiengang Conflict Studies and Peacebuilding selbst werden regelmäßig Veranstaltungen zur Theoriegeschichte des modernen Staates (The Modern States in History and Theory) und zur Geschichte von Kriegstheorien und Friedenskonzepten angeboten (War and Peace in History and Theory). Im Masterstudiengang Europäisches Regieren in der Transformation wird regelmäßig eine Veranstaltung zur Theorie und Geschichte des europäischen politischen Denkens durchgeführt.

Die Lehre ist geprägt von der intensiven Lektüre der Texte, der kommunikativen Verständigung über diese Texte in den Seminaren und der kritischen Diskussion über deren konzeptionelle Reichweite und Grenzen. Gelehrt wird ein kritischer und reflexiver Umgang mit den historisch prägenden Begriffen, Diskursen und Denkparadigmen unserer politischen Gegenwart.

Das Team des Fachgebiets Politische Theorie besteht derzeit aus Prof. Dr. Matthias Bohlender (Fachgebietsleiter), Liane Schäfer (Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin), Joshua Graf und Alessandro Cardinale (Lehrbeauftragte und Doktoranden), Lore Meindl (Studentische Mitarbeiterin) und Saskia Schulte (Sekretariat).

Professur

Prof. Dr. phil. Matthias Bohlender

Foto Prof. Dr. phil. Matthias Bohlender
Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften

Seminarstraße 20
49074 Osnabrück

Raum: 15/424a
Sprechstunde: Do 14-15.30

 +49 541 969-4621
 matthias.bohlender@uni-osnabrueck.de

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Sekretariat

Saskia Schulte

Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften

Seminarstraße 20
49074 Osnabrück

Raum: 15/423c
Sprechstunde: Mo-Do 09:30-11:30 Uhr, Fr 09:00-11:00 Uhr - Homeoffice

 +49 541 969-4071
 saskia.schulte@uni-osnabrueck.de

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Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen

Liane Schäfer

Foto Liane Schäfer
Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften

Seminarstraße 20
49074 Osnabrück

Raum: 15/424b
Sprechstunde: nach Vereinbarung per Mail

 +49 541 969-4155
 liane.schaefer@uni-osnabrueck.de

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Doktorand:innen/Lehrbeauftragte

Joshua Graf

Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften

Seminarstraße 20
49074 Osnabrück

 joshua.graf@uni-osnabrueck.de

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Alessandro Cardinale

Foto Alessandro Cardinale
Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften

Seminarstraße 20
49074 Osnabrück

 alessandro.cardinale@uni-osnabrueck.de

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Studentische Mitarbeiter:innen

Lore Meindl

Ehemalige Mitarbeiter:innen

Dr. Janosik Herder
Thilo Rösch, M. A.
Jorma Heier, M.A.
Anna-Sophie Schönfelder, M. A.
Matthias Spekker, M. A.